Vier Fragen an Philip Scheffner

EUROPE ist dein erster Film, der sich vom Dokumentarischen weitgehend verabschiedet, hin zur Fiktion. War das bereits zu Beginn dieses Projektes eine bewusste Entscheidung?

Ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt – das „Dokumentarische“ und die „Fiktion“ waren für mich noch nie Gegensatzpaare, sondern sind eher integrale und miteinander verwobene Bestandteile meiner Realitätserfahrung. Ich glaube, auch in meinen anderen Filmen gibt es viele Ebenen, die einen Zwischenraum öffnen, der ins Fiktionale hineinragt. Der Unterschied ist vielleicht, dass bei EUROPE die Frage nach „Fiktion“ und „Fiktionalisierung“ im Zentrum steht. Wir – das bezieht sich auf die Autorin Merle Kröger, Pascal Capitolin, der mich bei der Regie unterstützt hat, die Produzentin Caroline Kirberg und Volker Sattel an der Kamera – haben uns ganz konkret mit Konventionen und Arbeitsweisen des fiktionalen Films auseinandergesetzt, sie befragt, demontiert und (wieder)angeeignet.
Die Basis des Films EUROPE ist eine dokumentarische Recherche, die sich an der Biografie der Protagonistin Rhim Ibrir orientiert. Die Auseinandersetzung mit ihrer Lebensrealität führte zwangsweise in Richtung Fiktion.

Ihr habt die Hauptdarstellerin Rhim während der Recherche zu HAVARIE kennengelernt. Wann war der Moment, in dem ihr entschieden habt, mit ihr und ihrer Geschichte einen Film zu drehen?

Für den Film HAVARIE habe ich mit Rhim dokumentarische Aufnahmen gemacht. Gespräche im Park, Situationen in der Küche, Gänge durchs Viertel. Dabei habe ich viel über ihre Biografie erfahren, den Ort in Frankreich, an dem sie lebt, ihre Freunde und Familie kennen gelernt – es war eine sehr intensive Begegnung.
Aufgrund der Konzeption des Films HAVARIE habe ich dann nur einen Teil des aufgenommen Tons und vom Bild gar nichts verwendet. Für HAVARIE war das die richtige Entscheidung, aber es hinterließ eine immer lauter werdende Stimme im Hinterkopf, sich mit dem Material nochmals zu beschäftigen. Merle Kröger und ich waren einfach fasziniert von ihrer Präsenz vor der Kamera. Von ihrer ruhigen, zurückgenommenen und dennoch intensiven Ausstrahlung und der Kraft und dem Stolz, mit dem sie ihr Leben lebt. Die gemeinsame Arbeit am Film HAVARIE hatte eine Vertrauensbasis geschaffen, auf der wir aufbauen konnten. Das hat uns ermöglicht, auch Sachen auszuprobieren, die für uns alle neu waren.

Der Film folgt einem klaren ästhetischen Konzept, welches wie bei all deinen Filmen immer sehr stark mit der Erzählung verknüpft ist. Wie kann man sich dein bzw. euer Vorgehen vorstellen?

Das ästhetische Konzept, wie du es nennst, entsteht aus der Auseinandersetzung mit der Thematik des Films. Ich empfinde es als ein Nachdenken mit filmischen Mitteln.
Der Protagonistin des Films wird die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Zuerst einmal bedeutet das den Entzug eines gemeinsamen gesellschaftlichen Raums. Der Raum, in dem Menschen sich begegnen können, wird separiert entlang staatlicher Entscheidungen. Grenzen werden eingezogen, die den Handlungsspielraum der betroffenen Personen massiv einschränken und sie in einem Raum gesellschaftlicher Fiktion verorten.

In der Logline ist die Rede davon, dass EUROPE die Geschichte einer "staatlich erzwungenen Fiktionalisierung" (forced fiction) erzählt. Kannst du erzählen, wie es dazu kam und was das für dich als Filmemacher bedeutet?

Mir wurde klar, dass die Arbeit mit klassischen Methoden eines Dokumentarfilms die reale Lebenssituation von Rhim eher verschleiert hätte: Wie kann ich einen Film mit einer Person machen, die eigentlich gar nicht da sein darf, deren reale Anwesenheit vor Ort also eigentlich fiktiv ist? Diese erzwungene Fiktionalisierung ist konstituierend für ihre persönliche Lebensrealität aber auch für ihre Begegnung mit mir. Zwischen uns verläuft eine Grenze, die sich nicht einfach durch ein „sprechen über“ auflösen lässt. Daher habe ich mich gemeinsam mit Merle Kröger entschieden, die Methoden filmischer Fiktion auf ihre Relevanz in Bezug auf die Lebensrealität der Protagonistin hin zu untersuchen und zu sehen, welche Spielräume das eröffnen könnte. Aus Rhim wurde Zohra …

Hat sich etwas in der Zusammenarbeit mit Rhim geändert, als der Film zu einer Fiktion wurde?

Ich glaube, die Beschäftigung mit der Fiktion hat vor allem zu einer großen Offenheit geführt. Positionen und Verhältnisse konnten spielerisch neu ausgehandelt werden.
Die Diskussion des Drehbuchs, die intensive Probenarbeit und letztlich der Dreh selber haben immer wieder andere Perspektiven sowohl auf die persönliche als auch auf die politische Situation eröffnet –  für mich, für das Team und natürlich für Rhim.  
Rhim hat sich diesen Raum der Fiktion angeeignet, ihn erobert. Sie hat ihn ausgefüllt mit neuen Facetten ihrer selbst. Aus Rhim wurde Zohra und beide haben sich gegenseitig beeinflusst und verändert – die Übergänge zwischen Film und Wirklichkeit verschwimmen.
Rhim beschreibt das selbst sehr deutlich: „Der Film hört nicht auf – selbst wenn sie (Zohra) den Film verlässt, lebt sie immer noch das, was sie vorher gespielt hat.“

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