Tagesspiegel, 10.03.2022

Illegalität ist eine Fiktion
Jan-Philipp Kohlmann

Was im Bild ist und was nicht, bestimmt auch die Ästhetik von „Europe“. In statischen, zunächst freundlich hellen Einstellungen vermisst die Kamera von Volker Sattel die Schauplätze von Zohras Leben: Marktplatz, Imbissbude, Schwimmbad. Doch sobald ihr das Aufenthaltsrecht entzogen wird, verbannt der Film sie zunächst aus dem Bild. Der Bildkader wird verengt, Zohra bleibt im Off, auf die Fragen ihrer Mitmenschen kommt keine Antwort mehr. Es ist ein Regieeinfall mit geisterhafter Wirkung, der die Ausgrenzung der Protagonistin aus ihrem sozialen Raum ganz auf die formale Ebene überträgt. Und in dieser Entscheidung, in der fortan veränderten Position der Kamera, liegt vielleicht auch die Position des Films: dass die vermeintliche Illegalität von Menschen eine Fiktion ist. Doch die Fiktion ist genauso ein Möglichkeitsraum, in dem der Film seine Protagonistin das Bild schließlich wieder betreten lassen wird: Am Ende verlässt Zohra den Film mit dem Bus vom Anfang. Europe, so heißt tatsächlich auch die Haltestelle, an der sie einsteigt. Einen symbolischeren Namen hätte man sich kaum ausdenken können. (full article)